Durch Augenübung wieder gut sehen

Augenübungen verbessern innerhalb von nur zwei Tagen Sehvermögen bei älteren Menschen und Jugendlichen


Bereits seit Jahrzehnten empfehlen Befürworter von Naturheilverfahren, das Sehvermögen durch gezielte »Übungen« der Augen zu erweitern und zu verbessern; in einigen Fällen können dadurch sogar Sehhilfen überflüssig werden. Klingt das nicht nach unrealistischen Hoffnungen oder sogar Quacksalberei?

In letzter Zeit untermauern etablierte wissenschaftliche Beweise das Konzept, ein besseres Sehvermögen sei durch gezieltes »Augentraining« zu erreichen. Forschungen, die mit Mitteln des US-amerikanischen Nationalen Instituts für Alterungsprozesse (NIA) in Höhe von 3,5 Mrd. Dollar gefördert wurden, konnten nachweisen, dass ältere Menschen schon nach kurzer Zeit durch Wahrnehmungstraining ihr Sehvermögen verbessern können.

Die Studie mit dem Titel »Wahrnehmungslernen, Alterungsprozess und verbessertes Sehvermögen im Frühstadien der visuellen Verarbeitung« wurde im November in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Vision veröffentlicht. Nach Angaben des Forscherteams, das sich aus Wissenschaftlern der Universität von Kalifornien in Riverside (UCR) und der Bostoner Universität zusammensetzte, habe die Fähigkeit älterer Menschen, ihr Sehvermögen so rasch zu verbessern, wesentliche Auswirkungen auf die Gesundheit und Mobilität dieser Altersgruppe insgesamt.

Veränderungen des Sehvermögens etwa in den Bereichen Kontrastempfindlichkeit, räumliches Sehen, Orientierungsvermögen, Tiefenschärfe, Hell-Dunkel-Anpassung, Sehschärfe und Bewegungswahrnehmung wurden lange Zeit mit dem Alterungsprozess in Verbindung gebracht. Diese neue Untersuchung zeigt zum ersten Mal auf, dass gezieltes »Augentraining« das Sehvermögen älterer Menschen in den ersten Phasen der visuellen Verarbeitung verbessern kann.

Der Psychologieprofessor G. John Andersen (UCR) und seine Mitarbeiter untersuchten in einer Reihe von Experimenten, ob die wiederholte Durchführung bestimmter visueller Aufgaben, die bis an die individuellen Grenzen des Sehvermögens der Patienten gehen, zu einer Verbesserung des Sehvermögens führen. Teilnehmer im Alter von über 65 Jahren wurden dabei besondere Aufgaben vorgelegt, in denen es um die Erkennung und Unterscheidung von visuellen Strukturen ging.

Dabei wurden die Testpersonen visuellen Reizen in Form von Abbildungen ausgesetzt, die aus einem Buchstaben bestanden, der sich in der Mitte horizontaler Linien befand. In der näheren Umgebung des Buchstaben wurde dann durch diagonal verlaufende Linien ein entweder horizontal oder vertikal gelagertes Objekt dargestellt, das immer im gleichen Bildteil erschien. Nachdem den Testpersonen dieses Bild gezeigt worden war, wurden in rascher Folge weitere Abbildungen gezeigt, in denen immer unterschiedliche Bereiche des Ursprungsbildes verdeckt waren. Die Aufgabe für die Testpersonen bestand nun darin, sich sowohl auf den Buchstaben als auch auf das Objekt in der näheren Umgebung zu konzentrieren.

»Es stellte sich heraus, dass nach nur zweitägigen Übungen von jeweils einer Stunde mit unterschiedlichen visuellen Reizen ältere Menschen genauso gut sahen wie Menschen im Studentenalter«, erklärte Andersen in einer Pressemitteilung. »Die Verbesserungen hielten ungefähr drei Monate an. Die Ergebnisse hingen von der Position des Reizes im Gesichtsfeld ab, was darauf hindeutet, dass sich das Gehirn bereits in frühen Phasen der visuellen Verarbeitung in der Sehrinde verändert. Die Sehrinde bildet den Teil der Großhirnrinde, der für die Verarbeitung der visuellen Reize verantwortlich ist.

Die Verbesserung des Sehvermögens kann nicht einfach nur damit erklärt werden, dass die Probanden im Verlauf der Untersuchung mit den Aufgaben immer vertrauter geworden seien, betonten die Forscher. Darüber hinaus hielten die Verbesserungen des Sehvermögens nach dem Wahrnehmungstraining noch mindestens drei Monate an. Dies ist besonders wichtig, weil es zeigt, dass ältere Menschen noch eine hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität des Gehirns aufweisen. Zudem legt es nahe, dass ein solches »Training« des Sehvermögens auch die im normalen Alterungsprozess auftretenden Beeinträchtigungen verlangsamen oder sogar rückgängig machen könnte.

»Angesichts der deutlichen Folgen der altersbezogenen Beeinträchtigungen des Sehvermögens für das Autofahren, die Mobilität und die Gefahr von Stürzen zeigt diese Untersuchung, dass Wahrnehmungstraining ein nützliches Mittel zur Verbesserung der Gesundheit und des allgemeinen Wohlbefindens einer älter werdenden Bevölkerung sein kann«, folgern die Wissenschaftler.

Quellen zu diesem Artikel unter:

Koppverlag S. L. Baker

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